Halbzeit

Die Zeit verliegt hier so schnell, dass jetzt schon die Hälfte meines Einsatzes hier auf den Philippinen vergangen ist. Und dieses halbe Jahr war von vielen neuen Eindrücken geprägt: da ist zum einen natürlich die neue Umgebung mit der philippinisch fröhlichen Kultur, die vielen neuen Menschen, denen man begegnet und auch ein ganz neuer Alltag:
statt wie noch vor einem Jahr selbst in die Schule zu gehen, schicke ich nun morgens die Kinder in die Schule und wenn sie von der Schule zurück kommen, rede, spiele und helfe ich ihnen, wenn sie Hilfe brauchen, anstatt wie zu Hause zum Sport zu gehen oder Hausaufgaben zu erledigen.

Auch habe ich hier oft sehr viel mehr freie Zeit als zu Hause, denn wenn ich nach einer Frühschicht um 14.00 Uhr fertig bin, habe ich danach meistens nichts mehr zu erledigen, außer vielleicht die Wäsche, selbstverständlich per Hand, zu waschen. So bin ich letztens mit einer anderen Person aus meinem Team und zwei Bibelschülern für einen Tag wandern gewesen, um einmal aus dem Trubel der Stadt heraus zu kommen. Erstmal mussten wir mit dem für die Philippinen typischen Verkehrsmittel „Jeepney“ aus der Stadt heraus fahren, damit wir in die Natur kommen. Und dann konnte es losgehen. Zum Glück war es an dem Tag mit 30 Grad nicht ganz so heiß und der Himmel war bedeckt. Und troztdem schwitze ich schon wenige Minuten nachdem wir los gelaufen waren, denn es ging ausschließlich in eine Richtung, und zwar: bergauf. Anfangs noch an mehreren kleinen Häusern, in unserem Sprachgebrauch „Hütten“, vorbei. Dort wurden wir immer sehr freundlich begrüßt und fasziniert durch unser europäisches Aussehen angestarrt. Danach wurden die Straßen so langsam zu Schotterwegen oder zeitweise zu einem Trampelpfad. Und auch die Anzahl der Personen, denen wir begegneten, wurde immer weniger. Dafür bekamen wir kurz vor dem Aussichtspunkt Begleitung von einem Hund, der uns nicht mehr von der Seite wich.
Nachdem wir uns auf dem Trampelpfad zu unserem Ziel dem „Grassland“ geschlagen hatten, erwartete uns dort eine wunderschöne Aussicht über Cebu City direkt unterhalb der Berge. Alle Anstrengungen hatten sich für diese Sicht und die atemberaubende Natur gelohnt, denn im Alltag sehen wir nicht so viel von der ganzen schönen Natur, die es hier gibt.
Einige Stunden, Gespräche und viele weitere Schritte später, kamen wir dann sehr müde wieder zu Hause an und ich schlief in darauffolgenden Nacht wie ein Baby.

Ansonsten ist hier unter der Woche im Moment eher geregelter Alltag, da die Kinder gerade keine Ferien haben. Deshalb wurde an jedem Samstag im Februar ein sogenanntes „Skillstraining“ angeboten. Es gibt dabei mehrere Angebote, in denen die Kinder etwas neues lernen können. Ein Angebot ist zum Beispiel, dass die Jungs lernen, wie man Haare schneidet. Aber sie sind nicht nur am Wochenende während des Workshops damit bestäftigt zu üben, sondern auch unter Woche. So kommt es in letzter Zeit oft vor, dass abends mehreren Leuten eine neue Frisur verpasst wird. Und das machen die Kinder nicht nur bei sich gegenseitig, sondern auch einer aus meinem Team hat diesen „Service“ schon in Anspruch genommen – und tatsächlich können die Jungs das ziemlich gut. Außerdem werden Projekte wie Nähen, Maniküre und ähnliches angeboten. Auch wir Inters bieten mehr oder weniger ein „Skillstraining“ an: wir basteln mit einigen der jüngeren Kinder. Uns geht es dabei mehr darum, dass die Kinder Spaß am basteln haben und ihrer Kreativität freien Lauf lassen können und nicht, dass das Erlernen von etwas neuem im Vordergrund steht. So haben wir bis jetzt mit den Kinder ganz viele Geburtstagskarten, sonstige Karten, kleine Schachteln, Faltherzen und Girlanden gebastelt. Und nicht nur die Mädels sind mit Herzblut bei der Sache dabei. Einige der kleinen Jungs, auch die, bei denen man das eher nicht denken würde, sitzen jeden Samstag hochkonzentriert am Tisch und kreieren wahre Meisterwerke. Es ist einfach schön zu sehen, wie sehr die Kinder sich schon über einfaches buntes Papier freuen. Alleine damit kann man ihnen eine riesen Freude bereiten, mal abgesehen von dem Glitzer, dass natürlich gerne eher in Massen als in Maßen eingesetzt wird. Aber so lange die Kinder glücklich sind und sich nicht wegen irgendeiner Kleinigkeit streiten, bin ich beeindruckt, zu sehen, wie kreativ einige von ihnen sind und wie motiviert sie bei der Sache dabei sind.

Allerdings wird mir jeden Samstag aufs Neue wieder bewusst, was für eine privilegierte Kindheit ich in Deutschland hatte und wie im Vergleich dazu die Kinder hier aufwachsen. Für mich war es selbstverständlich, dass wir immer buntes Papier, Kleber, Schere und darüber hinaus noch viel mehr Bastelsachen zu Hause hatten und ich eigentlich immer ohne großen Aufwand das basteln konnte, was ich wollte. Hier ist es manchmal schon schwer, die richtigen Sachen fürs Basteln zu finden. Aufkleber zum Beispiel sind hier sehr rar und auch einfache Fäden findet man in den Geschäften nur schwer. Jetzt am Samstag wollen wir mit den Kindern nämlich Armbänder knüpfen. An Fäden sind wir nur gekommen, da unser Guard, der aufpasst, dass niemand ungewünschtes hier rein kommt, oder jemand abhaut, in den letzten Wochen immer wieder Armbänder geknüpft hat und er noch Material übrig hat, dass er uns zur Verfügung stellt.
Natürlich bin ich auf der einen Seite sehr dankbar dafür, was für Privilegien ich in meiner Kindheit genießen konnte, doch macht es mich auch traurig zu sehen, dass solche Kleinigkeiten, wie eben zum Beispiel buntes Papier zur Verfügung zu haben, nicht überall Standard ist.
Auch einfache Spiele haben die Kinder nur sehr wenig. Nur wenn wir ein Spiel mit rüber nehmen, können die Jungs und Mädels auch mal mit Karten spielen. Da frage ich mich, wieso bei uns zu Hause Spiele oft unberührt in den Schränken stehen oder merke, wie absurd es doch ist, Ewigkeiten darüber diskutieren zu können, welches Spiel man denn nun spielen soll. Solche Kleinigkeiten fallen einem im Alltag in Deutschland natürlich nicht auf, aber hier, wo man den direkten Vergleich hat, wird einem so etwas schnell bewusst.
Darum habe ich mir vorgenommen, in den letzten paar Monaten, die noch vor mir liegen, auch an den Samstagen nach dem Februar regelmäßig mit den Kindern zu basteln oder öfter mit ihnen Spiele zu spielen. Denn für mich ist das normalerweise kein großer Aufwand. Und die Kinder beim Basteln und Spielen glücklich zu sehen, ist ein schöner Lohn.

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